„Ich finde nicht, dass Lehrer jammern“

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Quelle: Interview mit der GEW Vorsitzenden des Kreises - Monika Eggers, MAZ v. 10.06.2014

„Ich finde nicht, dass Lehrer jammern“  Monika Eggers von der Bildungsgewerkschaft GEW über zu wenige junge Pädagogen und zu hohe Arbeitsbelastung
Oranienburg – In Brandenburg scheiden derzeit besonders viele Lehrer aus Altersgründen aus dem Schuldienst aus. Ein Gespräch mit der Oberhaveler Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Monika Eggers.

 MAZ: Zum kommenden Schuljahr müssen in Brandenburg so viele neue Lehrer eingestellt werden wie noch nie. Wie hoch ist der Bedarf in Oberhavel?
 Monika Eggers: Der Bedarf an neuen Lehrern ist in Oberhavel schon seit Jahren sehr hoch. Sehr viele Pädagogen scheiden aus Altersgründen aus. Die Regelungen zur Rente mit 63 werden die Situation noch verschärfen. Das wird zurzeit im Potsdamer Bildungsministerium unterschätzt. Viele ältere Kollegen wollen aus dem Schuldienst. Sie sind erschöpft. Die Luft ist raus.


 Gibt es genügend junge Lehrer, die nachrücken könnten?
 Eggers: Nein. Wir stellen zwar jede Woche neue Lehrer ein – darunter auch etliche Quereinsteiger mit Hochschulabschluss wie etwa Musiker, Mathematiker, Tierärzte oder Biologen. Doch die Zahl junger Lehrer reicht einfach nicht aus. Es wird zu wenig ausgebildet. Andere Bundesländer haben zudem attraktivere Arbeitsbedingungen.

 Können Quereinsteiger eine gute Alternative zu ausgebildeten Pädagogen sein?
 Eggers: Viele von ihnen sind hochmotiviert. Allerdings sind sie für das Kollegium auch eine zusätzliche Belastung. Schließlich müssen erfahrene Lehrer diese Neulinge auch begleiten. Es gibt Naturtalente unter den Neueinsteigern, doch etliche unterschätzen den Lehrerberuf auch. Wie bereite ich eine Stunde vor? Was kann man thematisch alles in eine Stunde packen? Wie kann ich schwierige Inhalte vermitteln? So etwas weiß man nicht einfach so, da braucht es fachliche Beratung. Quereinsteiger müssen noch besser betreut werden. Ich bedauere sehr, dass die Kollegen, die Quereinsteigern zur Seite stehen, nicht entlastet werden.

 Wie kann ich den Lehrerberuf in Brandenburg attraktiver machen?
 Eggers: Junge Leute gehen dorthin, wo ihnen am meisten geboten wird. Brandenburg müsste besser bezahlen und auch mehr Chancen bieten, befördert zu werden. Zurzeit fehlt es an Anreizen, nach Brandenburg zu gehen. Verbeamtung ist kein ausreichender Anreiz.
 Immer mehr Lehrer müssen ihren Dienst zwischenzeitlich wegen Burn-Outs quittieren. Ist die Arbeitsbelastung tatsächlich so hoch?
 Eggers: Ja, nicht nur ältere, sondern auch jüngere Kollegen erleiden Burn-Out. Ich arbeite inzwischen seit fast 40 Jahren als Lehrerin. In dieser Zeit ist die Arbeitsbelastung enorm gestiegen. Wir müssen immer mehr Förderpläne oder Berichte an Ämter schreiben. In manchen Integrationsklassen sind etliche Schüler mit unterschiedlichem Förderbedarf. Für jeden von ihnen müssen andere Förderpläne geschrieben und andere Aufgabe vorbereit werden. Das ist sicherlich richtig, aber auch sehr aufwändig. Niemand von uns wurde dafür ausgebildet. Da muss man sich erst reinarbeiten.

 Sind die Schüler auch anstrengender geworden?
 Eggers: Die Schüler sind unruhiger, aber auch selbstbewusster geworden. Es ist heute schwieriger, Normen und Regeln durchzusetzen. Aber eigentlich sind nicht die Schüler das Problem. Wir brauchen dringend eine Arbeitsentlastung. Klassenlehrer, Kollegen, die Referendare betreuen, oder Leiter von Fachzirkeln und Lehrer mit besonderen Aufgaben sollten einen Ausgleich in Anspruch nehmen dürfen und weniger Unterricht geben müssen.

 In Oberhavel fallen mehr Stunden komplett aus als im Brandenburger Durchschnitt. Wie lassen sich Ausfälle besser kompensieren?
 Eggers: Das neu eingeführte Vertretungsbudget läuft besser als zunächst erwartet. Grundsätzlich würde ich mir jedoch wieder eine höhere Vertretungsreserve wünschen. Die Stunden würden den Schulen immer zur Verfügung stehen und könnten sinnvoll genutzt werden für Teilungs- oder Förderunterricht. So könnte man bei Krankheit eines Kollegen schneller reagieren.

 Ist Inklusion unter den jetzigen Umständen zu leisten?
 Eggers: Nein, auf keinen Fall. Um Inklusion leisten zu können, müsste es in jeder Klasse zwei Lehrer geben – einen davon mit einer Sonderpädagogenausbildung. Brandenburg beginnt jedoch erst jetzt, Pädagogen mit der Fachrichtung Inklusion auszubilden. Man zäumt das Pferd von hinten auf. Man sollte erst genügend Fachkräfte haben und dann ein entsprechendes Schulmodell einführen. Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Ich persönlich frage mich zudem, ob Inklusion tatsächlich für alle Schüler zu leisten ist. Sicherlich gibt es Kinder, die man in einer speziellen Schule am besten fördern kann.

 Lehrern wird gerne unterstellt, dass sie wenig arbeiten, aber gerne jammern. Warum gibt es so wenig Anerkennung für den Lehrerberuf?
 Eggers: Das kann ich mir auch nicht erklären. Ich persönlich habe eigentlich immer Anerkennung erfahren – durch meine Schüler, aber auch dort, wo ich wohne. Grundsätzlich allerdings fehlt es an Anerkennung für den Lehrerberuf, auch vonseiten der Politik. Ich finde nicht, dass Lehrer jammern. Wir sollten nur das Recht haben, störende Faktoren beim Namen zu nennen.

 Was gefällt Ihnen an ihrem Beruf?
 Eggers: Er ist auch nach 40 Jahren noch mein Traumberuf. Ich bin immer neu gefordert. Meine Schüler halten mich jung.
 Interview: Frauke Herweg